Am 4. Oktober 1957 schoss die Sowjetunion eine polierte Aluminiumkugel von der Größe eines Strandballs in eine Umlaufbahn um die Erde. Der Satellit hieß Sputnik und trug keinerlei wissenschaftliche Instrumente. Er sendete lediglich ein Piepsignal. Doch dieses Piepen, das jeder mit einem Kurzwellenempfänger hören konnte, verkündete den Beginn des Weltraumzeitalters und dass die Sowjetunion dabei in Führung lag.
Zwölf Jahre, zwei Monate und sechzehn Tage später, am 20. Juli 1969, betrat Neil Armstrong die Oberfläche des Mondes. Zwischen diesen beiden Daten trugen die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion den teuersten, dramatischsten und folgenreichsten technologischen Wettstreit der Menschheitsgeschichte aus. Der Wettlauf ins All verschlang Milliarden Dollar, beschäftigte Hunderttausende von Menschen und brachte Leistungen hervor, die eine Generation zuvor als reine Fantasie gegolten hätten.
Hier ist die Chronik, wie es dazu kam.
1957: Das Jahr, in dem sich der Himmel veränderte
4. Oktober 1957: Sputnik 1. Die Sowjetunion startet den ersten künstlichen Satelliten in eine Erdumlaufbahn. Der Satellit wiegt 83,6 Kilogramm und umkreist die Erde alle 96 Minuten. Der Start versetzt die Vereinigten Staaten in einen Schockzustand, denn man hatte sich in einem klaren technologischen Vorsprung gewähnt. Das Wort „Sputnik“ geht in jede Sprache der Welt ein.
3. November 1957: Sputnik 2. Die Sowjetunion schickt den zweiten Satelliten ins All, an Bord die Hündin Laika, das erste Lebewesen in einer Umlaufbahn. Laika stirbt innerhalb weniger Stunden an Überhitzung (die Sowjets hatten keine Möglichkeit, sie lebend zurückzubringen), doch die Mission beweist, dass ein lebender Organismus den Start und die Bedingungen im Weltraum zumindest kurzzeitig überstehen kann.
6. Dezember 1957: Vanguard TV3. Der erste Versuch der Vereinigten Staaten, einen Satelliten zu starten, endet in einer Demütigung. Die Vanguard-Rakete hebt knapp einen Meter von der Startrampe ab, verliert den Schub und fällt vor laufenden Fernsehkameras als Feuerball in sich zusammen. Die Presse tauft sie „Flopnik“ und „Kaputnik“.
1958: Amerika antwortet
31. Januar 1958: Explorer 1. Die Vereinigten Staaten bringen ihren ersten Satelliten erfolgreich in die Umlaufbahn, mit einer Juno-I-Rakete, die das Team von Wernher von Braun bei der Army Ballistic Missile Agency entwickelt hat. Explorer 1 trägt einen Geigerzähler an Bord, der die Van-Allen-Strahlungsgürtel entdeckt, die erste große wissenschaftliche Entdeckung des Weltraumzeitalters.
29. Juli 1958: Gründung der NASA. Präsident Eisenhower unterzeichnet den National Aeronautics and Space Act und gründet damit die NASA als zivile Behörde zur Leitung des amerikanischen Weltraumprogramms. Die militärischen Raketenprogramme werden schrittweise in zivile Kontrolle überführt.
1959 bis 1960: Robotische Kundschafter
14. September 1959: Luna 2. Die sowjetische Sonde wird zum ersten von Menschen geschaffenen Objekt, das den Mond erreicht. Sie schlägt auf der Mondoberfläche auf.
7. Oktober 1959: Luna 3. Die sowjetische Sonde fotografiert zum ersten Mal die Rückseite des Mondes und enthüllt eine Landschaft, die sich auffallend von der Vorderseite unterscheidet: nahezu ausschließlich Hochland, mit sehr wenigen der dunklen Maria-Ebenen, die von der Erde aus sichtbar sind.
1. April 1960: TIROS-1. Die USA starten den ersten Wettersatelliten und demonstrieren damit den praktischen Nutzen der Weltraumtechnik für zivile Zwecke.
1961: Menschen im Weltraum
12. April 1961: Wostok 1. Der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin wird der erste Mensch im Weltraum und umrundet die Erde in 108 Minuten. Gagarins Flug ist der einzelne dramatischste Moment des Wettlaufs ins All. Er ist siebenundzwanzig Jahre alt.
5. Mai 1961: Freedom 7. Der amerikanische Astronaut Alan Shepard wird der erste Amerikaner im Weltraum mit einem fünfzehnminütigen suborbitalen Flug. Der Flug ist ein Erfolg, unterstreicht aber den Rückstand: Gagarin hatte die Erde umkreist; Shepard war lediglich aufgestiegen und wieder heruntergekommen.
25. Mai 1961: Kennedys Rede. Präsident John F. Kennedy wendet sich an den Kongress und erklärt: „Ich glaube, dass diese Nation sich dem Ziel verpflichten sollte, noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond zu landen und sicher zur Erde zurückzubringen.“ Die Rede legt das Ziel fest. Die Frage ist, ob Amerika es erreichen kann.
1962 bis 1963: Den Rückstand aufholen
20. Februar 1962: Friendship 7. John Glenn wird der erste Amerikaner in einer Erdumlaufbahn und absolviert drei Umrundungen in knapp fünf Stunden. Glenn wird zum Nationalhelden.
16. Juni 1963: Wostok 6. Die sowjetische Kosmonautin Walentina Tereschkowa wird die erste Frau im Weltraum. Sie umkreist die Erde 48 Mal in fast drei Tagen. Die Vereinigten Staaten werden erst zwanzig Jahre später, 1983, mit dem Flug von Sally Ride eine Frau ins All schicken.
1964 bis 1965: Das Gemini-Programm
Das Gemini-Programm wurde entwickelt, um die Techniken zu erproben, die für eine Mondmission nötig waren: Rendezvous im Orbit, Andockmanöver, Weltraumspaziergänge und Langzeitflüge. Zwischen 1965 und 1966 flogen zehn bemannte Gemini-Missionen, jede aufbauend auf der vorherigen.
18. März 1965: Woschod 2. Der sowjetische Kosmonaut Alexei Leonow führt den ersten Weltraumspaziergang (Außenbordeinsatz) durch und schwebt zwölf Minuten lang außerhalb seiner Kapsel. Die Rückkehr in die Kapsel wird beinahe zur Katastrophe, als Leonows Raumanzug sich im Vakuum aufbläht und es ihm fast unmöglich macht, die Luftschleuse wieder zu betreten.
3. Juni 1965: Gemini 4. Der amerikanische Astronaut Ed White führt den ersten amerikanischen Weltraumspaziergang durch und verbringt 23 Minuten außerhalb der Kapsel.
15. Dezember 1965: Gemini 6A und 7. Zwei Gemini-Raumschiffe treffen sich im Orbit und nähern sich bis auf dreißig Zentimeter einander an. Das Rendezvous im Orbit, unverzichtbar für den geplanten Mondflug, ist als machbar erwiesen.
1966 bis 1967: Rückschläge und Tragödien
16. März 1966: Gemini 8. Die Astronauten Neil Armstrong und David Scott führen das erste Andockmanöver zweier Raumfahrzeuge im Orbit durch. Eine Fehlfunktion eines Steuertriebwerks bringt das Raumschiff in eine unkontrollierte Rotation; Armstrongs besonnene Reaktion rettet die Mission und seine Besatzung.
3. Februar 1966: Luna 9. Die sowjetische Sonde vollzieht die erste weiche Landung auf dem Mond und sendet Fotografien von der Oberfläche.
27. Januar 1967: Apollo-1-Brand. Die Astronauten Gus Grissom, Ed White und Roger Chaffee sterben bei einem Brand während eines Startrampen-Tests des Apollo-Kommandomoduls. Ausgelöst wird das Feuer durch eine reine Sauerstoffatmosphäre, brennbare Materialien in der Kabine und eine Luke, die sich nicht schnell öffnen lässt. Die Katastrophe verzögert das Apollo-Programm um zwanzig Monate und führt zu einer vollständigen Neukonstruktion des Raumschiffs.
24. April 1967: Sojus 1. Der sowjetische Kosmonaut Wladimir Komarow stirbt, als der Fallschirm seiner Sojus-Kapsel beim Wiedereintritt nicht auslöst. Er ist der erste Mensch, der während eines Raumflugs ums Leben kommt.
1968: Das Jahr von Apollo
11. Oktober 1968: Apollo 7. Die erste bemannte Apollo-Mission testet das neu konstruierte Kommandomodul erfolgreich in der Erdumlaufbahn.
21. bis 27. Dezember 1968: Apollo 8. Die Astronauten Frank Borman, Jim Lovell und William Anders werden die ersten Menschen, die die Erdumlaufbahn verlassen, zum Mond fliegen, ihn umkreisen und zurückkehren. Die Mission bringt die berühmte „Earthrise“-Fotografie hervor, die die Erde zeigt, wie sie über dem Mondhorizont aufgeht. Es ist eine der bedeutendsten Reisen der Menschheitsgeschichte.
1969: Die Ziellinie
3. März 1969: Apollo 9. Die Mondlandefähre wird zum ersten Mal in der Erdumlaufbahn getestet.
18. Mai 1969: Apollo 10. Das vollständige Apollo-Raumschiff (Kommandomodul und Mondlandefähre) wird in der Mondumlaufbahn getestet. Die Fähre sinkt bis auf 15,6 Kilometer über die Mondoberfläche, landet aber nicht. Es ist die letzte Generalprobe.
16. Juli 1969: Start von Apollo 11. Eine Saturn-V-Rakete mit den Astronauten Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins an Bord hebt vom Kennedy Space Center ab.
20. Juli 1969: Die Landung. Die Mondlandefähre Eagle setzt im Meer der Ruhe auf. Armstrong meldet: „Houston, Tranquility Base hier. Der Adler ist gelandet.“ Sechs Stunden später betritt er die Oberfläche: „Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit.“ Aldrin folgt ihm. Collins umkreist in der Höhe allein das Kommandomodul.
24. Juli 1969: Wasserung. Die Besatzung kehrt sicher zur Erde zurück. Der Wettlauf ins All ist vorbei.
Die Mathematik der Reise
Die Flugbahn, die Apollo 11 von der Erde zum Mond trug, wurde mit außerordentlicher Präzision berechnet. Berücksichtigt wurden die Gravitationsfelder von Erde, Mond und Sonne, die Erdrotation und die Umlaufbewegung des Mondes. Die Berechnungen, durchgeführt von Teams aus Mathematikern und Computern im Manned Spacecraft Center der NASA, mussten exakt sein: ein Fehler von einem Bruchteil eines Grades beim Abflug hätte bedeuten können, den Mond vollständig zu verfehlen.
Die Apollo Translunar Trajectory Plotting Chart (englische Ausgabe) von Kronecker Wallis gibt die originale Flugbahnkarte von Apollo 11 aus dem Juni 1969 wieder, eine visuelle Darstellung der Orbitalmechanik, die drei Astronauten zum Mond und zurück brachte. Diese Karte ist die mathematische Blaupause der kühnsten Reise, die je unternommen wurde.
Und für die Geschichte dessen, was passiert, wenn der Plan schiefgeht: Die Apollo 13 LM Systems Activation Checklist gibt die Notfallprozeduren wieder, die Commander Jim Lovell während der verzweifelten Rückkehr von Apollo 13 zur Erde von Hand annotierte, einschließlich seiner handschriftlichen Berechnungen des Wiedereintrittwinkels, der seine Besatzung rettete.
Das Vermächtnis
Der Wettlauf ins All dauerte zwölf Jahre. In dieser Zeit entwickelte sich die Menschheit von einer Zivilisation ohne jede Präsenz im All zu einer, die auf einem anderen Himmelskörper spazieren ging. Die technologischen Errungenschaften waren außergewöhnlich: wiederverwendbare Raumfahrzeuge, Rendezvous im Orbit, Lebenserhaltungssysteme, Navigationscomputer und Raketen, die stark genug waren, die Erdanziehung zu überwinden. Die wissenschaftlichen Leistungen standen dem in nichts nach: die Van-Allen-Gürtel, Nahaufnahmen des Mondes und der Planeten sowie 382 Kilogramm Mondgestein, das die geologische Geschichte des Mondes enthüllte.
Doch die nachhaltigste Wirkung ist vielleicht die einfachste. Der Wettlauf ins All zeigte, dass Menschen ihren Planeten verlassen können. Dass der Mond, der in der gesamten Menschheitsgeschichte Symbol und Geheimnis gewesen war, ein Ort ist, zu dem man reisen, auf dem man gehen und von dem man zurückkehren kann. Diese Grenze, einmal überschritten, ließ sich nie wieder zurücknehmen. Der Himmel war nicht mehr die Grenze. Er war der Anfang.